Papiergewand
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Fabrik der Künste

Rede 8.8.2013, Petra Schoenewald 


Gewandkästen, Malerei, Performance

(...) Jetzt fliege ich im Schweinsgalopp herunter von der ersten Etage und ganz viel Druck verwandelt sich in 

Leichtigkeit, wie bei den geflügelten Wesen, engelsgleich, die Gabriele Kruk in kleine Kästen gehängt hat,

damit sie nicht wegfliegen?

Gabriele Kruk hat an der HAW freie Malerei, das heißt eigentlich Grafik Design studiert - wie viele gute freie Maler 

doch aus so einer Schule fürs Angewandte herauskommen. 

Die Künstlerin zeigt uns Stoffe in fließender Bewegtheit - und sie sind doch aus Papier, was ihre Flüchtigkeit 

und Feinstofflichkeit betont. Sie zeigt, dass kleine Arbeiten ganz groß sein und einen Raum aufmachen können, 

der weit über ihre tatsächliche Größe hinausgeht.

Eine meiner Lieblingsarbeiten: das blaue Schaukelkleid - man sieht und fühlt förmlich sich selbst als Kind auf einer 

Schaukel, der Rock geht hoch und die Beine fliegen voran, der Rocksaum des Kleides verwandelt sich in eine Schaukel 

wie es Erwin Wurm nicht besser metamorphosieren könnte.

Gabriele bewegt sich auf dem Minenfeld weiblicher Identitätssuche, überall Kleider, sie zitiert weiblich konnotierte 

Tätigkeiten, wie: schneiden, nähen, sticken, mit Nadeln piksen wie: schön kleiden. 

Untrennbar von diesen bildhaften Arbeiten ist ihre Performance: „Ort der Langsamkeit - bitte frei schweifen“. 

Hier thematisiert sie ihre eigene Arbeit als Künstlerin, eine Art Standortbestimmung. 

Der Dreh-und Angelpunkt ihrer Fragestellung ist: der menschliche Körper in all seiner Begrenztheit und in seinen 

vorübergehenden Erscheinungsformen - seiner Flüchtigkeit. Hier wird ein Erfahrungsraum aufgemacht, der über 

unser Sein hinausweist.

Davon zeugen auch die Einblicke, die sie uns in ihre Skizzenbücher gewährt. 

Da ist eine Forscherin und Sucherin am Werk. Sie bepiekst und enthäutet einen Torso mit Tuschenadeln - so etwas 

macht frau nicht, um es vordergründig an den Mann zu bringen. 

Wir ahnen, wie akribisch sie das Thema: „Die Liegende“ durchkonjugiert, wie Sybille Merian ihre Pflanzenstudien. 

Da erscheint eine Liegende schwebend, wie auf Sektbläschen getrieben - daneben eine ohne schützende Haut, 

erdenschwer, schon selbst ganz Erde geworden.

Die schützende Haut begegnet uns auch in all ihren Kleidern; abgelegt und aufgehängt ist die abwesende Person 

präsenter, als wäre sie darin eingekleidet. Reisekleider/Festtagskleider werden in den Kästen wie Schmetterlinge präsentiert. 

Wir wissen: es gibt auch raumgreifende, lebensgroße Arbeiten. Hier kommen sie jedoch kleiner als Barbiepuppengröße 

daher, munter mit festgelegten Rollenklischees spielend, ist dies auch eine zutiefst feministische Kunst für mich.

...und bringen die halbe Welt mit sich…tragen die halbe Welt auf ihren nicht vorhandenen Schultern. 

Da gibt es Reisekleider: Venedig, Athen, Sylt. Sie können die Orte atmen hören. 

Eine Arbeit heißt „Venedig brennt“ und ich rieche förmlich die brennende Stadt und sehe das Feuer. 

Wasserball Venedig: da spüre ich die feuchte Luft und kann den Ort sehen, ohne ihn besucht zu haben. 

So können Reisebilder/skizzen also auch aussehen! 

Wir sind Reisende in unserem Leben, im permanenten Übergang befindlich. Wo stehe ich? Wohin fliege ich? 

Und: „Wohin wachse ich von Innen?“ wie Gabriele Kruk in ihrer Performance fragt.

Fabrik der Künste, 17.9.2010

Vortrag: Dagmar Lott-Reschke, Kunsthistorikerin MA

Wir stehen hier vor der Frage, zeigt Gabriele Kruk uns Bildkleider oder Kleiderbilder? Beides trifft zu: einerseits nennt sie ihre Werkreihe bewusst Kollektion 2010 und hängt sie auf Kleiderbügel, andererseits betont sie mit dem Material Papier, den Rahmen und der Zweidimensionalität den Bildcharakter ihrer Arbeiten.

Am Anfang aber war der Körper! Schon während ihrer Studienzeit an der HAW Hamburg steht die malerische Beschäftigung mit dem menschlichen, meist weiblichen Körper im Zentrum ihres Schaffens. Schon hier spielt das Kleidungsstück als 2. Haut und das Thema Körpergrenze eine gewichtige Rolle. Doch bald traten collagierte Papiere, welche den Körper bedeckten, deren Strukturen und Oberflächenreize in den Vordergrund. Häufig stand das Material am Beginn der Motivsuche. Vor zwei Jahren trennte sich die Malerei von der Papierarbeit, die Kleider blieben, aber die Körper verschwanden.

Gerade die Abwesenheit der Körper ist das Spannende bei Gabriele Kruk. Denn was wir sehen, sind keine leblosen Fetzen, die an der Wand herunterhängen. Wie Pygmalion haucht Gabriele ihren Kunstfiguren Leben ein. Sie hat sich als Patin ihrer Arbeiten die Wasser-Nymphe Undine erwählt, die für Wandlungsfähigkeit, aber vor allem für den sehnlichen Wunsch nach Menschwerdung steht. Die beweglichen Bügel suggerieren Kopf und Schulter, der Schwung des Papierschnittes und die Leichtigkeit des Materials erzeugen Lebendigkeit.

So beflügelt Gabriele Kruk unsere Phantasie. Wie in einem Sog beginnen wir damit, uns vorzustellen, wer wohl in einem solchen Kleid stecken könnte. Vom Kleid schließen wir auf den Menschen, assoziieren automatisch Größe, Aussehen, Haarfarbe und Nasenspitze, ja sogar Charaktereigenschaften und Habitus einer fiktiven Person. Ebenso spielerisch und leicht wie die kleinen Minikleidchen entwickeln sich unser Gedanken. Unsere Imagination gerät in Gang. 

Wobei das Wort Imagination von >Imago< kommt, und das heißt Bild. Wir machen uns selbst ein Bild. Und dabei stoßen wir rasch - das wird auch sicher gleich zu Diskussionen vor den Arbeiten führen - an unsere eigenen Sehkonventionen und Vorstellungen. Schnell wird uns deutlich, wie wichtig Kleidung als Materialisierung unserer Identität ist. Die Praktik des Zeigens und Deutens, aber auch die moralisierende Beurteilung von Kleidung wird in diesen Arbeiten deutlich. Besonders seit dem Gabriele Kruk sie aus den kleinen Gewandkästen heraus getreten lässt und sie uns geradezu leibhaftig gegenübertreten.

Es sind durchweg Kleider, also spezifisch weibliche Kleidungsstücke. Damit berührt Gabriele Kruk hier das weite Feld der Gender-Forschung, Fragen nach weiblicher Identität, Rollenspiel, Selbstinszenierung und tritt dabei mutig mit einer als typisch weiblich konnotierten Technik der Handarbeit und dem Thema Mode an.

Auch die geniale britische Designerin Vivian Westwood hat einmal gesagt: „Ich benutze die Mode als Vorwand, - um über kulturelle Erscheinungen im Allgemeinen zu sprechen, denn dort liegt mein Interesse.“ 

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